Rozumìt a vysvìtlovat

Verstehen-Erklären Debatte,

Jakub Èapek

 

2 Studen pro Woche, 6 ECTS

SS 2008, Freitag 9U10 ? 10U45, Hauptgebäude der Phil. Fakultät, nám. J. Palacha 2, Raum 218

Erste Sitzung: den 22. Februar 2008

 

?Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir.? Dilthey hat in diesem berühmten Satz den Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu fassen versucht. Was unterscheidet genau gesehen die Human- oder Gesteswissenschaften von den Naturwissenschaften? Das Forschungsgebiet? Kann man sagen, daß die Naturwissenschaften die Materie, die Geisteswissenschaften den Geist untersuchen? Oder besteht das Unterscheidungsmerkmal eher in der Methode? Die Naturwissenschaften benützten Kausalerklärungen, wobei sie in jeder einzelnen Erscheinung den Fall eines allgemeinen Gesetztes erblicken. Die Humanwissenschaften ? z.B. die Geschichtsschreibung ? untersuchen einzelne Erscheinungen eben als einmalige. Sie streben diese nicht an das Allgemeine zu überführen, sondern in ihrer Einmaligkeit zu erfassen, d.h. zu verstehen. Besteht der Unterschied von zwei Typen von Wissenschaften in der Weise, wie sie das Verhältnis zwischen Einzelnem und Allgemeinem auffassen und ob sie die Kausalerklärung für die einzige wissenschaftliche Erklärung halten? Nicht nur W. Dilthey, sondern auch die Neukantianer W. Windelband und H. Rickert haben sich mit diesen Fragen intensiv beschäftigt.

Im ersten Teil der Veranstaltung wird man versuchen, die Ausgangslage der ganzen Debatte zu rekonstruieren. Diese ist zum Teil durch Kants Philosophie bestimmt. Kants Bemühen, die Bedingungen der Möglichkeit des wissenschaftlichen Erkennens zu bestimmen, hat einen Typ vom Erkennen beiseite gelassen (zumindest laut Neukantianer): das Erkennen in den Geisteswissenschaften. Die Methodenreflexion der Geisteswissenschaften war deshalb häufig als eine Art Ergänzung und Vollendung des kantischen Projektes gesehen, wovon das Titel des von Dilthey geplanten Werkes ?Die Kritik der historischen Vernunft? zeugt. Es muss jedoch auch an Hegels Philosophie der Geschichte, wie auch an Mills Idee der ?moral sciences? hingewiesen werden, da auch diese Auffassungen wichtige Anregungen für die ganze Debatte darstellen.

Die Veranstaltung wird dann Positionen und Argumenten analysieren, die im Laufe der Debatte auftauchten, um abschließend die entscheidenden Umwandlungen der ganzen Diskussion kurz anzusprechen (Heidegger, Gadamer).

 

Zusammenfassende Literatur:

W. Windelband, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, 5. Ausg., Tübingen, 1910 (1. Ausgabe 1891), VII. Teil, § 45. Natur und Geschichte (S. 543 - 554)

Manfred Riedel, Verstehen oder Erklären?, Stuttgart 1978.

Nathalie Zaccaï-Reynerds, Explication ? Compréhension. Regards sur les sources et l?actualité d?une controverse épistémologique, Bruxelles 2003

 

Quellen:

I. Kant ? Texte zur theoretischen Philosophie (vor allem Die Kritik der reinen Vernunft und Prolegomena)

G. W. F. Hegel, Die Vernunft in der Geschichte, hrsg. v. Johannes Hoffmeister. Hamburg. Meiner 1994.

Hermann von Helmholtz, Ueber das Verhältnis der Naturwissenschaften zur Gesamtheit der Wissenschaften. Akademische Festrede gehalten zu Heidelberg beim Antritt des Prorectorats 1862, in: Gesammelte Schriften, Bd. V.1, Vorträge und Reden, Erster Band, Olms-Wiedmann 2002, Braunschweig, S. 159 ? 185

John Stuart Mill, A System of Logic. Ratiocinative and Inductive. Being connected view of the principles of evidence and the methods of scientific investigation, 1843, London 1919, VI: On the logic of the moral sciences

Johann Gustav Droysen, Grundriss der Historik, in: Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte, München und Berlin, 1937, S. 317 - 366.

Johann Gustav Droysen, Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft, Ebd., S. 386 ? 405.

Wilhelm Windelband, Geschichte und Naturwissenschaft (Strassburger Rektoratsrede), in: Präludien, Tübingen 1924, 2. Band, S. 136 ? 161.

Wilhelm Windelband, Kritische oder genetische Methode ? (1883), Präludien II, S. 99 ? 134.

Wilhelm Windelband, Normen und Naturgesetze (1882), Präludien II, S. 59 ? 98.

Heinrich Rickert, Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft (1898), 7. Ausg., Tübingen 1926

Max, Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1988

Carl G. Hempel, The Function of General Laws in History, in: The Journal of Philosophy, Vol. 39, No. 2 (1942), S. 35 ? 48

Dilthey, W., Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie (1894), Ges. Schr. V

Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, 1975 (4. Ausg.)

Martin Heidegger, Sein und Zeit (1927), Niemeyer 1993.